Haben wir ein Anrecht auf Glück?

Haben wir ein Anrecht auf Glück?

Dieser Frage widmet sich Lew Tolstoj in seinem Meisterwerk „Anna Karenina“. Auch die Schüler des Russisch-Oberstufenkurses gingen dieser Frage beim ausschnitthaften Lesen des Romans nach. Schnell wurde klar, dass das Schicksal der jungen Anna Karenina ein tragisches ist. Die unglückliche Ehe mit dem 20 Jahre älteren Staatsbeamten Alexej Karenin, mit dem Anna einen gemeinsamen Sohn hat, scheint sie regelrecht in die Arme des jungen und leidenschaftlichen Grafen Alexej Wronskij zu treiben. Anna geht eine zunächst heimlich gehaltene Liebesaffäre mit Wronskij ein, aus der eine Tochter hervorgeht. Schließlich bekennt sie sich zu Wronskij und ist bereit, die Folgen in Kauf zu nehmen: Die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts verachtet sie, ihr Ehemann bestraft sie, indem er ihr den Kontakt zu ihrem Sohn verbietet, sie selbst verfällt in Wahnideen und Selbstzweifel. Sogar die Liebe zu Wronskij verwandelt sich in Hass. Am Ende erscheint ihr der Tod als einziges Mittel, um ihr eigenes Leid zu beenden. 

Dem Leser des Romans fällt es nicht schwer, Annas Entscheidungen zu begreifen. Gelingt das aber auch auf der Bühne in Form eines Balletts? Anbei die Eindrücke der Schüler, die am 17. Mai, nach Beendigung der Romanlektüre, das Ballettstück „Anna Karenina“ des deutschen Choreographen und Regisseurs Christian Spuck in der Bayerischen Staatsoper in München besuchten.

„Noch bevor das Stück angefangen hatte, waren wir überwältigt von der Ausgestaltung der Staatsoper – von innen wie von außen. Im Zuschauerraum nahmen wir unsere Plätze im obersten Rang, der Galerie, ein, weshalb einige kurz mit der Höhe zu kämpfen hatten. Das spannende Ballettstück ließ uns jedoch alle Ängste schnell überwinden. Während der Aufführung schauten wir gebannt den vielen Balletttänzern zu, wie sie äußerst eindrucksvoll die Handlung der Romanvorlage vertanzten. Abgesehen davon, dass es uns teilweise etwas schwerfiel, bestimmte Charaktere der Handlung auszumachen, was nicht verwunderlich ist, da im Roman insgesamt drei verschiedene Familiengeschichten näher beleuchtet werden, gab es glücklicherweise keine weiteren Verständnisprobleme. Während das Bühnenbild sehr schlicht gehalten war und so die Verlorenheit der Figuren symbolisieren sollte, waren die Kostüme hingegen äußerst prunkvoll und ließen den Reichtum der Petersburger Gesellschaft erkennen. Die gezielt eingesetzten Video-Projektionen, die die Orte des Geschehens andeuteten, sorgten dafür, dass man als Zuschauer dem Geschehen gut folgen konnte. Am eindrucksvollsten war aber die großartige Leistung der Tänzer, die die Geschichte nicht einfach nur vertanzten. Mithilfe von Gesten wurde auf der Bühne gestritten, geliebt und verzweifelt. Die musikalische Begleitung durch das Orchester, das unter anderem Werke von Sergej Rachmaninow spielte, und eine unerwartete Einlage einer Opernsängerin vollendeten den Gesamteindruck.“

Wie dem Autor des Romans gelingt es auch dem Regisseur des Ballettstücks, die inneren Konflikte der Hauptprotagonistin freizulegen. Anna Karenina suchte nach Glück und konnte es nicht finden. Der Romanautor stellte sich die Frage, ob Anna, und damit auch ob wir alle, ein Anrecht auf Glück haben und beantwortet sie damit, dass wir nicht richten dürfen über die anderen, da wir so das Unglück erst schaffen.

Katharina Herdt & Russisch-Oberstufenkurs

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