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Monat: September 2019

Ende der 10. Klasse, wenn man sich für eine Studienfahrt entscheidet, bekommt man von allen Seiten Ratschläge (schließlich will man bei der besten Reise dabei sein). Fahr doch nach Budapest, da geht man auch mal weg, auf gar keinen Fall Budapest, die Begleitlehrer laufen so viel, lieber Rom, das hat interessante Geschichte, und erst die Architektur, aber die Hitze, im Juli ist es da so heiß, wie wäre es mit Paris? Ja. Wie wäre es mit Paris? Meine Pros: Weltstadt. Ich kenne die Begleitlehrer, Frau Blank und Herr Koch. Moderates Klima. Mein Contra: Ich kann kein Wort Französisch.

Deswegen sitze ich am Mittag des 07. Julis 2019 (nur noch eine Stunde Zugfahrt bis Paris!) beinahe religiös vor meinem neuen Reiseführer. „Entschuldigung“ zum Beispiel heißt „Pardon“ [pardong], lehrt er. Später, auf dem Bahnsteig angekommen, nutze ich selbigen Reiseführer zusammengerollt als Megaphon, um die Fahrtgemeinschaft um mich herum zusammenzutreiben. Zur Vorbereitung haben wir nämlich Gruppen gebildet, die, je nachdem, einen bestimmten Tag organisieren oder zu einem bestimmten Ziel recherchieren. Die Aufgabe meiner Gruppe ist es, die Fahrtgemeinschaft unter anderem lebendig vom Ostbahnhof zur Herberge zu bringen. „Linie 7, Richtung La Cour… irgendwas.“, rufe ich durch mein Megaphon. „Ausstieg Riquet. Das liegt gleich hinter Stalingrad.“ So heißt die Station.

Das „St. Christophers Inn“ ist ein weiß verkleidetes Hochhaus am Eck, direkt an einem Kanal und mit einer Bar im Erdgeschoss; das Zimmer, das sich alle elf Mädchen im ersten Stock teilen, minimalistisch. Man kann die Backpacker förmlich riechen. Nach einiger Zeit zum Auspacken und Einleben treffen wir uns vor dem Hostel und Frau Blank sagt die Worte, vor dem sich jeder Faulpelz fürchtet: „Wir laufen.“ Es ist ein Weg von fast einer Stunde, der Verkehr chaotisch und jedes Mal, wenn ich mit jemandem zusammenstoße, kann ich meine neue Vokabel anwenden. „Pardong.“, murmle ich immer wieder. Ich finde, ich mache das ganz gut.

An der Pont Neuf werden wir dann laufengelassen, um uns etwas Essbares zu kaufen oder auch nicht (Restaurants in Paris sind teuer) und gegen Sonnenuntergang zur Seinefahrt wiederzutreffen. Beim Warten auf das nächste Boot ist es seltsam, Lehrer in Urlaubsstimmung (und -kleidung) zu sehen; es enthüllt ganz neue Seiten an ihnen. „Ist das etwa ein Tattoo?“, frage ich eine Freundin und deute mit dem Kinn auf Herrn Koch, der etwas entfernt von uns sitzt. „Tatsache.“, sagt sie. Da bewegt sich sein Kopf in unsere Richtung, aber man kann nicht genau sagen, ob er uns gehört hat oder nicht, denn seine Augen sind hinter einer Sonnenbrille verborgen, die vermutlich das letzte Mal von einem Herzensbrecher-Surfer-Badboy aus einem amerikanischen Teeniefilm der 2000er getragen wurde. Oder einem CIA-Agenten. Da kenne ich mich nicht aus.

Die nächtliche Seinefahrt ist… herrlich. Dunkel. Windig. Romantisch. Man könnte eine ganze Menge Adjektive dafür finden, genauso für die Studienfahrt allgemein. Die Opéra Garnier ruiniert jeden Opernbesuch der Zukunft für mich (wie soll man so was Hübsches wiederfinden?), dafür nimmt der Stadtverkehr dem Besuch des Triumphbogens alle Würde. Wir genießen die Aussicht auf den Stufen der Basilika Sacré-Cœur, singen „Champs Elysées“ an der Champs Elysées (mit „wir“ meine ich den armen Teufel, der die Wette verloren hat) und im Louvre versuchen eine Freundin und ich, Bilder aus möglichst vielen verschiedenen Schulbüchern zu finden. Mit der Mona Lisa geben wir uns gar nicht erst ab, sie hängt winzig klein hinter Glas und Absperrbändern, umringt von der dicht gedrängtesten Menschenmasse, die ich je gesehen habe. Zwei Abende verbringen wir mit einem Picknick am Kanal.

Und am letzten Abend klettern wir auf den Eiffelturm. Es ist wirklich eine Kletterei, auf steilen Treppen zwischen den Stahlstreben hindurch, unter uns ganz viel Luft, bis zur zweiten Plattform hoch. Sie ist voller Touristen – natürlich – und ich hoffe heimlich, dass ich einen Heiratsantrag oder so mitbekomme. Es ist schließlich der perfekte Platz. Stattdessen bin ich so mit der Aussicht (und dem Fußballspiel, das ein paar Straßen weit weg ausgetragen wird) beschäftigt, dass ich einen Antrag nicht mal bemerkt hätte, fände er direkt hinter mir statt. Die Rückfahrt ist still und zieht sich in die Länge, nach beinahe einer Woche immer unter Leuten bin ich Unterhaltungen überdrüssig geworden. Aber als mich meine Eltern vom Bahnhof abholen, kann ich ihnen mit vollem Selbstvertrauen sagen, dass ich von allen drei Möglichkeiten auf der besten Studienfahrt war.

Theresia Händeler, Q12