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Vortrag von Prof. Weineck: Ein mitreißendes Plädoyer für mehr Bewegung in Freizeit, Schule und Schulsport

Vortrag von Prof. Weineck: Ein mitreißendes Plädoyer für mehr Bewegung in Freizeit, Schule und Schulsport

Ein glücklicher Tag für den Sport am CSG: Prof. Weineck – eine weltweite Legende der Sportwissenschaft fand am 15.11.18 den Weg ans CSG und hielt einen fulminanten Vortrag zum Thema „Bewegung ist nicht nur gesund, sondern macht auch klüger!“

Er hat jeden deutschen Sportstudenten und Sport-Additumsschüler während der Ausbildung begleitet: Prof. Dr. Dr. Dr. Jürgen Weineck ist der Autor zahlreicher sportwissenschaftlicher Veröffentlichungen und Lehrbücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und global zur Standardliteratur für Sportwissenschaften gehören. Er zählt weltweit zur absoluten Prominenz und Koryphäe in diesem Bereich. Wir am Scheiner hatten die große Ehre für 90 Minuten seinen fundierten Ausführungen zu lauschen. Zahlreiche Oberstufen-Schüler, Sportlehrer vom CSG und auch die anderen Ingolstädter Gymnasien sowie diverse interessierte Eltern unserer Schüler fanden sich in der Pausenhalle ein.

Prof. Weineck beschrieb facettenreich, untermauert durch zahlreiche Studien, den ungeheuren Gewinn für Körper und Geist, den Sporttreiben mit sich bringt. Als Steinzeitmenschen waren wir es gewohnt bis zu 40 km pro Tag zurückzulegen, heute im Zeitalter des Sitzens in der Schule, vor dem Fernseher, vor der Spielkonsole oder dem Computer sind es gerade einmal 2 km. Dass sich das negativ auf unseren Körper und Geist auswirken muss, war wohl jedem im Publikum schon vorher bekannt, aber welch einfache Mittel wir haben, um hier entgegenzuwirken, dies schilderte Prof. Weineck in seiner typischen motivierenden und unnachahmlichen Art.

„80% der übergewichtigen Jugendlichen werden später übergewichtige Erwachsene sein“

So sind etwa 99% der Osteoporose-Erkrankungen (Knochenschwund) durch fehlende oder unzureichende Bewegung zurückzuführen. Auch die Thesen „80% der Kinder von sportlich inaktiven Eltern werden selbst inaktiv sein“ oder  „80% der übergewichtigen Jugendlichen werden später übergewichtige Erwachsene sein“ unterstreicht die zentrale Wichtigkeit des Sports in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Dem Gesundheitssystem kostet der gesellschaftliche Bewegungsmangel Milliarden, verursacht durch Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes und Osteoporose. Alles Krankheiten, die in den allermeisten Fällen durch ein Mindestmaß an Bewegung zum Nulltarif zu vermeiden gewesen wären, wenn die sportive Prävention früh genug in der Erziehung stattgefunden hätte. Kinder lernen durch ihre Vorbilder, in der Regel ihre Eltern. Wenn diese jedoch den Alltag faul, sitzend, Fernseh-schauend verbringen, braucht es den Sportunterricht umso dringender, um vielerlei Bewegungsangebote und sportliche Vorbilder zu schaffen.

„Keine psychologische Behandlung kann das erreichen, was Sport schafft.“

Neben den körperlichen Folgekrankheiten, welche durch Bewegungsmangel entstehen, ließen sich auch viele Formen von Depressionen und anderer psychischen Störungen durch Sporttreiben präventiv verhindern. Sport unterstützt umfassend die psychische Entwicklung eines Heranwachsenden, aber auch dessen psychosoziale Kompetenz. So kann laut Weineck keine psychologische Behandlung das erreichen, was Sporttreiben schafft.

Im Sport haben oft kleine Erfolge eine ungeheure Wirkung auf das Selbstwertgefühl eines Kindes. Prof. Weineck unterstreicht diese These mit einem Videobeitrag, in dem ein ca. 10 jähriges Kind spektakulär von einem Spielplatz-Klettergerät springt und anschließend mit euphorischem Gesichtsausdruck in die Kamera strahlt. Augenzwinkernd stellt Prof. Weineck dem Publikum die rhetorische Frage „Haben Sie diese Euphorie schon einmal in einem Lateinunterricht gesehen? – Das kann nur der Sport bieten!“ In diesem Zusammenhang prangert der Redner den Ausfall von Sportstunden im Schulalltag an: „Sport ist das Fach, das am ehesten gestrichen wird und am öftesten ausfällt, wenngleich es das wichtigste für die Gehirnentwicklung eines Schüler ist – ein Skandal!“

Regelmäßiges Sporttreiben stellt die absolute Basis der allgemeinen psychophysischen Gesundheit dar und ist durch nichts zu ersetzen.

Um mit gutem Beispiel voranzugehen, ließ Prof. Weineck das gesamte Publikum während des gesamten Vortrags im Abstand von 15 – 20 min aufstehen und Hüpf- und Bewegungsvarianten durchführen. Den positiven Effekt erhöhter Aufmerksamkeit und exzellenter Stimmung spürte unmittelbar jeder einzelne.

„Jeder Mensch hat einen bestimmten IQ, doch man wird klüger und noch klüger, wenn man Sport treibt. Keine Mathe-, Latein- oder Deutschstunde kann auch nur eine Viertelstunde Sport ersetzen.“

Später ging der Redner auf den Zusammenhang von kognitiven Leistungen, also Denk- und Lernprozesse und dem Sporttreiben ein. Dazu zeigte er beispielsweise schematische Bilder, bei denen der große Unterschied von der Durchblutung eines Gehirns in Ruhe, im Vergleich zu der Zeit nach einer kurzen Bewegungseinheit deutlich wird. Die Denk- und Gedächtnisleistung steigt rapide an, wenn infolge von Sporttreiben der gesamte Organismus und somit das Gehirn massiv durchblutet werden. Zwillingsforschung in Finnland hat nachgewiesen, dass Sport nachhaltig die synaptische Vernetzung im Gehirn um ein Vielfaches steigert und optimiert, das schafft sonst nicht annähernd eine andere Beschäftigung des Geistes. Wer regelmäßig Sport treibt wird nachweislich klüger – in der  Praxis empfiehlt der Sport-Experte unter anderem vor, während und nach dem Unterricht kurze Bewegungseinheiten zu absolvieren. Dies gilt auch für Kinder und Jugendliche bei der häuslichen Vorbereitung: Das Sitzen soll regelmäßig durch Springen, Laufen, Seilhüpfen, Jonglieren oder andere Bewegungsaufgaben unterbrochen werden, um effektiv und nachhaltig zu lernen. Überraschend ist auch eine vorgestellte Untersuchung: Während die durchschnittliche Anzahl der Unterrichtsstörungen vor einer Sportstunde etwa 120 beträgt, so ergaben die Umfragen, dass in der Folgestunde nach Sport die Störungen auf nur etwa 20 sinken – ein Rückgang von 84%! Was bedeutet, dass neben den Denkleistungen und auch das Unterrichtsklima entsprechend positiv beeinflusst wird.

„Gleich ab morgen kommen Sie zu Fuß oder mit dem Rad in die Schule!“

Als Fazit wäre zu nennen: Sport, der Spaß macht, egal in welcher Form unterstützt in herausragender Weise die Funktion aller Körperorgane und insbesondere die Entwicklung des Gehirns. Spielsportarten erhöhen die Anzahl der Gehirnzellen und trainieren die gewinnbringenden Vernetzungen im Gehirn in besonderer Weise. Sport sollte überall da, wo es möglich ist, in den Alltag integriert werden: Zum Beispiel Auto stehen lassen – alle kurze Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad absolvieren.

Mit einem süffisanten Appell, der sinngemäß ausdrückte: „Gleich morgen kommen alle mit dem Rad in die Schule!“ beendete Prof. Weineck seinen mitreißenden Vortrag nach 90 Minuten, begleitet von tosendem Applaus. Dabei hinterließ er etwa 180 begeisterte Zuhörer, die wohl zukünftig Sport in einem ganz neuen Licht sehen werden!

Prof. Weineck stellte in Aussicht in etwa fünf Jahren erneut zu uns ans Scheiner zu kommen. Wer ihn dieses Mal verpasst hat, hat also dann erneut die Chance diese überaus wertvollen Informationen aus erster Hand zu erfahren.

Peter Mücke