Schlaglichter: Unser Aufenthalt an der Kapzow-Schule Nr. 1520 in Moskau vom 30. März bis 8. April 2019

Schlaglichter: Unser Aufenthalt an der Kapzow-Schule Nr. 1520 in Moskau vom 30. März bis 8. April 2019

Der Kreml

Als wir durch die strenge Sicherheitskontrolle des Kremls gelangt waren, wartete schon die englischsprechende Führerin auf uns. Wir alle waren sehr beeindruckt von den bis zu 19 Meter hohen Mauern und anderen schönen Sehenswürdigkeiten, wie einer 40 Tonnen schweren Glocke, einer Kanone, deren Kugel 1 Tonne wiegt, und vielem mehr. Der Kreml ist der älteste Teil Moskaus, dort gibt es mehrere altertümliche Kathedralen. Nachdem wir eine Weile geführt über das Gelände spaziert waren, gingen wir zuletzt alleine in die Erzengel-Kathedrale. In diesem alten Gebäude wurden alle Zaren bis 1712 begraben, ab diesem Zeitpunkt verlegte Peter der Große die russische Hauptstadt von Moskau nach St. Petersburg, wo die später verstorbenen Regierungshäupter beigesetzt wurden. Neben den historisch bedeutenden Teilen des Kremls haben wir auch den Regierungssitz, also den Arbeitsplatz von Vladimir Putin zumindest von außen gesehen. Abends hörten wir im Kremlpalast ein sinfonisches Rock-Konzert des Concord Orchesters mit cooler Bühnenshow. (Iris Seib)

„Garage“

Am Montag, dem ersten April war unser erster Tag in der Schule. Es war sehr interessant, den Unterricht zu sehen und  die Schule  mit dem CSG zu vergleichen. Zum Beispiel ist es dort üblich, dass die Schüler ihr Handy benutzen dürfen. Später wurden wir  sehr herzlich von der Direktorin, Frau Kiritschenko, empfangen und von Herrn Gavrilov durchs Schulmuseum geführt  Dort konnten wir interessante Exponate aus dem Leben der Kaufmannsfamilie Kapzow betrachten und viel über die Geschichte der Schule – einer der ältesten in Moskau – erfahren. Weiter ging es mit einem interessanten Ausflug in das zeitgenössische Moskauer Museum für zeitgenössische Kunst „Garage“, bei dem uns Frau Tschernobrodova begleitete. Gelegen ist es im Gorki-Park, in der Nähe des Gartenrings, der das Moskauer Zentrum umschließt.

Da wir auf dem Hinweg von einer Art Schneesturm überrascht wurden, kam uns das Museum gerade recht. In der Eingangshalle waren wir direkt beeindruckt von einer gigantischen rot-blauen Stahlskulptur und das Erstaunen zog sich durch die gesamte Führung. Ein junger Mann namens Anton führte uns durch die Werkausstellung des Pakistaners Rashid Araeen. Am meisten beeindruckte uns sein Bodenkunstwerk aus lauter leeren Bier- und Weinflaschen (nicht zu verwechseln mit den Flaschen, die dieses bestauntenJ). Mit ihm kritisiert Araeen die Tatsache, dass viele nördliche Naturvölker infolge der Einfuhr von Alkohol durch die Kolonialherren vernichtet wurden. Anton klärte uns  darüber auf, dass auch viele der anderen Kunstwerke in dieser Ausstellung eine wichtige politische Aussage haben. Insgesamt war es die Intention des reiferen Künstlers, sich gegen den in der Kunstszene herrschenden Rassismus einzusetzen, dem nicht-britische oder nicht-amerikanische abstrakte Künstler wie er selbst ausgesetzt sind. Insgesamt war dies ein nachdenklicher Ausklang des ersten Schultages. (Paula Stoll)

Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Dienstag, der vierte April – der Tag begann mit einer Matheprobe bei einigen russischen Austauschpartnern. Daraufhin begaben wir uns zu unserem täglichen Treffen mit Frau Mages  in der Mensa. Es gab Hühnchenfleisch, als Vorspeise Salat „Olivier“ und Mors, ein köstliches russisches Moosbeergetränk. Nach dem stärkendem Mittagessen fuhren wir unter der Leitung von Frau Jazina mit der Metro zum  Kosmos-Pavillon auf dem sehr weitläufigen WDNCha-Gelände, welcher eine umfassende Ausstellung über die Geschichte  der russischen Raumfahrt bietet – von den ersten zaghaften Versuchen, Satelliten  in die Stratosphäre zu schießen,  über den Sputnik-Erfolg bis hin zu den neuesten Entwicklungen in der internationalen Raumstation ISS. (Alejandro Graf de Miguel)

Puschkin-Wohnung auf dem Arbat

Nach zwei Schulstunden mit dem Austauschpartner und einem kurzen Treffen mit allen Beteiligten wegen einer Geburtstagfeier machten wir uns am Mittwoch zu Fuß auf den Weg zum Arbat, auf dem die erste eheliche Wohnung des bekannten Nationaldichters Alexander Sergejewitsch Puschkin liegt. Obwohl die Fußgängerzone sehr belebt ist, erkennt man das Haus, in dem er wohnte, sofort wegen seiner Pracht. In der zweistündigen Führung erfuhren wir viel über  Puschkins Leben und seine Zeit. Die Führung bestand aus zwei Teilen. Die acht Säle im Erdgeschoss sind der Ausstellung „Puschkin und Moskau“ gewidmet, zeigt seine Tagebücher und viele Porträts seiner Zeitgenossen. Da die Originaleinrichtung der frisch verheirateten Puschkins nicht erhalten blieb, weil nach ihnen noch bis 1986 viele andere in der Wohnung gelebt haben, füllen den ersten Stock einzelne Möbelstücke und Gegenstände aus Puschkins Lebenszeit. (Diana Braun)

Operette

Am selben Abend ging es für unsere Gruppe in die Operette „Die Zirkusprinzessin“ im Moskauer Musicaltheater am Puschkinplatz. Das Stück wurde von Emmerich Kálmán 1926 geschrieben. Es handelt von „Mister X“, der als stets maskierter Akrobat auftritt. Allerdings ist er in Wirklichkeit der enterbte Neffe eines verstorbenen Petersburger Fürsten. Die Witwe dieses Fürsten verliebt sich in den Neffen, ohne zu wissen, dass er Mister X ist, und die beiden werden ein Paar. Als es zur Hochzeit kommt, deckt ein Nebenbuhler durch eine Intrige auf, dass die Witwe gerade dabei ist, den Akrobaten Mister X zu heiraten . Die Braut ist blamiert, denn man sieht in ihr jetzt nur eine „Zirkusprinzessin“. Die Trennung der Liebenden ist unvermeidlich, aber in Wien findet man sich wieder. Ein amüsanter dritter Akt schließt die schwungvolle Operette ab. Die Mischung aus Gesang, Tanz und  Gesprächen zwischen den Darstellern hat viel Abwechslung in das Stück gebracht. Alles in allem war dieser Mittwoch ein sehr schöner Tag. (Lisa Kühn)

Marfa-Mariinskaja-obitel: Martha-Marien-Frauenkloster der Barmherzigkeit

Am Donnerstag hatten wir am Morgen von 8:30 bis 10:30 Uhr die Möglichkeit, mit unseren Austauschpartnern  an deren Unterricht teilzunehmen. Danach, um 10:35 Uhr durften wir eine eigens für uns organisierte Russischunterrichtsstunde zur Landeskunde besuchen. Nach dem  Gruppentreffen und einem Mittagessen machten wir uns unter der Leitung von Frau Murzina mit der Metro auf den Weg zum  Marfa-Mariiskaja-obitel. Dieses Frauenkloster wurde von Großfürstin Elizabeth Feodorovna, welche die Schwester der letzten Kaiserin von Russland und wie diese eine ursprünglich evangelische Prinzessin von Hessen-Darmstadt war, nach dem Tod ihres Mannes Sergej Alexandrovic errichtet. Dieser, ein Bruder des letzten Zaren Nikolaus II., wurde 1905 von  einem Terroristen getötet. Seine Frau verkaufte daraufhin ihren Schmuck, um das Jugendstilkloster zu gründen und als orthodoxe Äbtissin zu leben. Sie wollte eine religiöse Gemeinschaft gründen, welche aus Frauen aller Schichten bestand. Sie verehrten  die Heiligen Martha und Maria durch Gebete und indem sie Armen halfen. Auch heutzutage wird dort noch den Armen der Stadt geholfen. Auf dem Gelände des Klosters steht seit damals auch ein Krankenhaus, welches immer noch in Betrieb ist.

Das Kloster wurde in den 20er Jahren geschlossen, in den 90ern wiederbelebt.  Elisabeth wurde wie andere im Zuge der Oktoberrevolution erschossene Mitglieder der Romanov-Familie von der russisch-orthodoxen Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts heiliggesprochen, die Skulptur der Enkelin von Königin Viktoria und Großtante von Prinz Philipp findet sich außen an der Westminster Abtei in London. (Jonathan Knote)

 Empfang in der Moskauer Duma, dem Rathaus

Der Freitag startete mit einer Deutschstunde, in der wir mit Neuntklässlern zusammenarbeiteten. Wir unterhielten uns mit ihnen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Ernährung in Deutschland und Russland und durften zum Schluss noch ein Plakat gestalten, auf dem wir unsere Ideen festhielten. Danach ging es zu Fuß los in die Moskauer Duma. Nachdem wir genauestens kontrolliert worden waren – glücklicherweise hatten alle an ihren Pass gedacht – wurden wir von einer sehr netten Stadträtin im kleinen Konferenzsaal begrüßt, die uns nach einem Erinnerungsfoto an eine junge Dame übergab, die charmant durch das Gebäude führte. Danach durften wir den Großen Sitzungssaal von oben begutachten und die angrenzend gelegene Wechselausstellung zur Bedeutung der Weltraumfahrt im Alltagsleben bewundern. Hochinteressante Bilder wie auch Souvenirs aus Bayern und anderen Regionen der Welt waren in der Bibliothek zu finden! Portraits von Männern und Frauen außen um den Sitzungssaal herum fielen uns ins Auge und wir erfuhren, dass hier die Ehrenbürger Moskaus verewigt sind. Daraufhin wechselten wir das Gebäude und  befanden uns in einem sehr schönen alten Gebäudetrakt, welcher früher vom russischen Adel bewohnt war. Besonders imponierten uns die großen breiten Treppen und der Ballsaal! Interessant zu hören war auch, dass den Gästen früher nur die ersten beiden Stockwerke zugänglich waren. Wenn man in den dritten Stock wollte, musste man eine kleine unscheinbare Bedienstetentreppe nehmen, von deren Existenz die offiziellen Gäste nichts wussten. Besonders schön erschienen die Wände, die grazil bemalt waren und manche sogar so geschickt, dass es aussah, als wäre die Decke plastisch abgesetzt mit Rillen.

Danach ging es zum Mittagessen in ein nahegelegenes Restaurant, wo wir sehr gut gegessen haben. (Pia Bacher)

Alexander Solschenizyn

Anschließend marschierten wir  zur Museumswohnung des berühmten Schriftstellers und sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn. Der Weg führte durch  eindrucksvolle Hinterhöfe mit Häusern, die wie aus grauen Legosteinen gebaut schienen. Wir traten in eines dieser Wohngebäude, stiegen zu einer dieser Wohnungen hinauf und gaben unsere Jacken und Rucksäcke in der Umkleide ab. Um den Boden der eigentlichen Museumswohnung nicht zu beschmutzen, mussten wir seltsame blaue Folien über unsere eigentlich ziemlich sauberen Sneaker ziehen, die nachher weggeworfen wurden – Plastikmüll. Auf ging’s zur Wohnung Solschenizyns. In dieser erfuhren wir einiges über den Schriftsteller und sein Leben, wie zum Beispiel, dass er kritisch gegenüber dem Kommunismus und Stalin war, im Untergrund forschte und schrieb, während er offiziell als Lehrer arbeitete. Deshalb kam er nach dem Zweiten Weltkrieg in Lager- und Sonderhaft und musste Zwangsarbeit leisten. Er ist der Schriftsteller, der mit der Erzählung “Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch” schlagartig in der  ganzen Welt berühmt wurde, in welcher er erstmalig den Alltag in den sowjetischen Arbeitslagern, auch Gulags genannt, beschreibt. Die Veröffentlichung war in der Tauwetterperiode 1962 mit Erlaubnis Chruschtschows möglich geworden.

Wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem Kommunismus durfte Solschenizyn offiziell nicht in der Hauptstadt gemeldet sein, lebte aber inoffiziell mit seiner Frau und drei kleinen Söhnen dort. 1970 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, den er sich 1972 in der UdSSR verleihen ließ. Wäre er nach Stockholm gefahren, hätte er nicht zurückgedurft. 1974 wurde er in der jetzigen Museumswohnung verhaftet, ausgebürgert und ausgewiesen. Über Deutschland, wo ihn Heinrich Böll unterstützte, kam er 1976 in die USA, wo er seine Arbeit fortsetzte. 2007, nach der Rückkehr nach Russland von Wladiwostok aus, erhielt er den Staatspreis der Russischen Föderation. Diese Preise hat er redlich verdient, da er die Person war, die die Außenwelt über die grausamen Bedingungen in den Gulags informiert hat und somit mutig genug war, in der Zeit der UdSSR zu einer Art Whistleblower zu werden. (Valentin Härter)

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.